Geschlossene Forschungsinformationssysteme vs. offene Wissenschaft

Current Research Information Systems (CRIS) oder Forschungsinformationssysteme (FIS) werden derzeit an zahlreichen Hochschulen eingerichtet. Dabei handelt es sich letztlich um Datenbanken oder ähnliche Datenspeicher, die Informationen über Forschungs- und Publikationsaktivitäten vorhalten und verwalten. Sie beziehen ihre Daten größtenteils aus Publikations- oder Zitations- sowie Projektdatenbanken und werden manuell ergänzt, etwa aus internen Systemen der Hochschulverwaltungen wie SAP oder lokalen Hochschulbibliographien. FIS können und sollen Hochschulen auf Knopfdruck verwaltungsrelevante Informationen zu einzelnen internen Einheiten (Lehrstühle, Fachbereiche) unterschiedlicher Granularität bereitstellen, unter anderem für Berichtswesen und interne Mittelallokation.

Wissenschaftler selbst wiederum wittern bei der Verwendung der FIS die Möglichkeit eines hochschulintern einheitlichen Benchmarkings, vorwiegend über  Publikations- und Zitationsparameter, das fachliche Spezifika außer Acht lässt und somit zu Ungerechtigkeiten in der Bewertung von Lehrstühlen oder Fachbereichen führen muss. Diese Befürchtung ist durchaus ernst zu nehmen ist, soll aber an dieser Stelle nicht weiter thematisiert werden. Dieser Beitrag soll vielmehr auf eines der möglichen infocamp-Themen rekurrieren, den offenen Zugang zu Informationen, denn FIS haben ein etwas gespaltenes Verhältnis zur Offenheit. Wenn sie ihre Aufgabe, eine vielschichtige und facettenreiche Datenlage von der wissenschaftlichen Forschung an einer Hochschule, inklusive Inputs (wie Projektförderung) und Outputs (wie Publikationen) zu schaffen, erreichen wollen, brauchen sie offene Schnittstellen, über die ihnen Daten angeboten werden. Unter den Gesichtspunkten einer transparenten Wissenschaft könnte man auch schon an dieser Stelle darüber diskutieren, welche Datenquellen ein FIS ausliest, welche Parameter jeweils hochschulintern ausgewertet werden und wie diese gewichtet werden. Open Access Repositories, die Publikationen hosten, werden teils über die OAI-Schnittstelle ausgelesen, Open Access Daten Repositories meines Wissens nicht (oder zumindest selten). Da die Nichtberücksichtigung derartiger Datenspeicher steuernd wirkt, würde die Bereitschaft Forschungsdaten nachzuweisen oder offen bereitzustellen wohl steigern, wenn FIS Forschungsdatenrepositorien abfragen würden. Allerdings handelt es sich hier um ein hochschulinterne Policy-Frage.

Als größeres Manko erscheint mir die üblicherweise unidirektionale und versiegelte Architektur der FIS: Sie profitieren wie erwähnt von der Nutzung anderer Datenquellen (und das umso mehr, wenn deren Schnittstellen offen verfügbar sind), stellen selbst aber keine Daten nach außen bereit. Damit taugen sie aber nicht als Bausteine einer integrierten wissenschaftlichen Informationsinfrastruktur und verhindern, dass auf Basis ihrer Daten aufbauende Services entstehen. Würden FIS ihre Daten anderen Diensten durchreichen wären Angebote (z.B. unter Einbindung eines Autorenidentifikationssystems wie ORCID [s. dazu auch den Veranstaltungshinweis auf den ORCID-Workshop von Helmholtz Gesellschaft und DINI e.V.]) wie überuniversitäre Publikationsverzeichnisse möglich oder (noch fast schöner) eine zentrale Forschungsdatenbanken mit reichhaltigen Projektinformationen. Auch wenn mir bewusst ist, dass nicht jeder Service auf Basis der lokalen FIS-Informationen problemlos umsetzbar sein dürfte (so dürften Lizenzbedingungen der Publikationsdatenbanken der insinuierten Anwendung eines überuniversitären Publikationsverzeichnisses erstmal hemmend entgegenstehen), taugt die Thematik offener Forschungsinformationssysteme womöglich als Diskussionspunkt für das infocamp, zumal Bibliotheken bei der Einführung eines FIS gern als zuarbeitende Institution betrachtet werden, z.B. wenn es um die Pflege von Publikationsdaten geht. Die Entscheidung darüber, ob das Thema aufgegriffen wird liegt aber wie immer bei den Teilnehmern.

#newLIS: Wie soll es weitergehen?

Dörte Böhner befürchtete kürzlich, die unter dem Kürzel #newLIS geführte Diskussion um ein Open Access Journal für die Bibliotheks- und Informationswissenschaft sei zum Erliegen gekommen. Ich denke (und hoffe), dem ist nicht so. Gegen Dörte Böhners wohl etwas provokative Einschätzung spricht unter anderem, dass zum Beispiel anlässlich des frei<tag> 2012 am 17. August in Potsdam über das Projekt diskutiert wird. Und auch das am 07. und 08. September in Chur stattfindende infocamp  wird sich diesem Thema widmen, nicht zuletzt da sich einige der Organisatoren rege am lebhaften Austausch über ein solches neues Journal beteiligten. Ganz sicher aber hat sie recht damit, dass die Beiträge zum Thema #newLIS via Twitter und auch im von ihr selbst eigens eingerichteten Wiki (dessen Besuch und aktive Mitgestaltung ich allen Interessierten sehr ans Herz lege) an Häufigkeit nachließen. Allerdings interpretiere ich die nachlassende Onlineaktivität als Bedarf nach direktem Offline-Austausch: Die Ideen wurden online und in rascher Folge skizziert und stehen immer noch zur Weiterbearbeitung offen, aber vielleicht ist jetzt der Zeitpunkt gekommen, die doch teils divergierenden Ideen von Journalkonzept und Umsetzung konkreter auszuarbeiten – und dazu empfehlen sich Unkonferenzen à la infocamp.

Ich möchte ich einige Punkte hervorheben, die man meiner Meinung nach, wenn man ein Open Access Journal für die Bibliotheks- und Informationswissenschaft  angehen will, klären muss. Ich greife dazu teils auf die im genannten Wiki gesammelten Beiträge und den in einem Etherpad protokollierten Austausch zurück.

Als Manko der bisherigen Diskussionen zeichnet sich aus meiner Sicht ab, dass sehr viele, interessante Ideen zu technischer Umsetzung, Qualitätssicherung und -messung (z.B. via Social Media Impact) beigetragen wurden, die allerdings eher nachrangig sind solange man sich nicht  auf andere Punkte verständigt hat. Womit wir schon bei der ersten Frage sind: Wer ist „sich“?

Verantwortlichkeiten

Wer wird die konkrete Umsetzung eines #newLIS-Journals vorantreiben? Werden sich überhaupt KollegInnen finden, die sich für ein solches Journal engagieren wollen? Welche Verantwortlichkeitsrollen wird das Journal kennen, wenn es zu leben und zu publizieren beginnt? Herausgeber, Peers, Editorial Board? Wie werden die Rollen besetzt? Durch Vorschläge und Selbstvorschläge? Wird die Community Vertreter bestimmen, um die genannten Rollen auszufüllen? Womit wir beim nächsten Thema sind …

Reichweite & inhaltlicher Scope

Wer als Verantwortlicher agieren will oder soll, hängt ganz sicher auf vom Scope des Journals ab. Soll das Projekt aber allein die Bibliothekswissenschaft oder auch die Informationswissenschaft behandeln? Wie ist das Verhältnis zum von Prof. Kuhlen angekündigten Journal für die Informationswissenschaft? Bietet es sich vor dem Hintergrund dieser Information nicht an, ein reines Journal für Bibliothekswissenschaft zu planen?  Sollte aus der #newLIS-Debatte eine neue Zeitschrift entstehen, könnte sie ja auch mit dem von Prof. Kuhlen avisierten Journal kooperieren. Was sind die Zielgruppen  des Journals (auf Autoren- und Rezipientenseite): Anwendungsorientierte, theoretisch oder empirisch arbeitende Wissenschaftler und/oder Praktiker? Wie wird sich das Journal von bestehenden Publikationen abgrenzen: Nur durch den Publikationsweg Open Access oder durch inhaltliche Profilierung?

 Organisatorische Anbindung

Wenn das Journal dauerhaft existieren soll, benötigt es meiner Einschätzung nach eine Art Heimat. Welcher Institutionstyp könnte das sein? Ein Berufsverband (ich bin skeptisch), ein eigener Verein (wie bei LIBREAS, allerdings muss dazu die Bereitschaft erst einmal wachsen), eine Hochschule, ein Verbund an Hochschulen?

Qualitätssicherung, Technik, Features, Nachhaltigkeit

Auch wenn ich der Diskussion inhaltlicher Fragen den Vorrang geben würde, müssen auch diese Themen erörtert werden. Nicht zuletzt da die Art der Qualitätssicherung Auswirkungen auf die zu besetzenden Rollen hat, naheliegender Weise braucht man für eine Peer Review Gutachter. Entscheidet man sich für eine Begutachtung, hat dies wohl auch Implikationen für die Wahl der technischen Lösung. Allerdings müsste auch die Frage nach dem Modus (oder den Modi der Qualitätssicherung, man könnte auch mehrere anbieten) beantwortet werden: Sollen Beiträge überhaupt geprüft werden? Wenn ja, in welcher Form: single blind, double blind, triple blind (eine weitgehend unterschätzte Option) oder mittels Open Review? Auch die Beantwortung dieser Fragen hat Auswirkungen auf die zu wählende Technik. Und schließlich stellt sich das unvermeidliche Thema der Nachhaltigkeit: Wie werden die Kosten für den Betrieb des Journals gedeckt? Vielleicht könnte man einen gewissen Betrag über Crowdfunding aufbringen, vorgelagert sollte man sogar die Frage stellen, wie man die Kosten beziffert. Teils wird von sehr geringen Kosten für den Betrieb eines Open Access Journals ausgegangen, so von Peter Suber. Im #newLIS-Wiki wird gar über einen Förderantrag bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft DFG sinniert.

Zu den angeschnittenen Themen finden sich lesenswerte Beiträge im erwähnten #newLIS-Wiki, die einzige nahezu leere Unterseite trägt bedauerlicherweise den Titel „Organisatorisches“, dort steht, gänzlich unkommentiert, die Frage im Raum: „Wie soll es weitergehen?“

Soll ##newLIS, wie Jakob Voß so schön formulierte, kein Buzz bleiben, sondern ein Konzept werden, muss die Community Fragen wie die genannten erörtern – einen Ort dafür bietet das infocamp.